Jean Sebastien Larro

@der_naturvermittler

Nachtschicht

Komposthaufen im Taschenlampenlicht bei Nacht

Gestern Abend, kurz vor elf. Ich mache die Hühner zu — einer dieser kleinen Handgriffe, die den Tag beschließen. Draußen ist es still. Windstill. Sternklar. Sieben Grad. Die Welt hat sich zurückgezogen und ehrlich gesagt bin ich auf dem besten Weg, es ihr gleichzutun.

Dann, auf dem Rückweg komme ich am Komposthaufen vorbei und höre ein Knistern. Ein Rascheln. Ein leises, aber sehr entschiedenes Tun.

Igel? Ist es dafür nicht zu kalt. Maus? Möglich. Aber das klingt anders. Das klingt nach vielen. Nach sehr vielen.

Im Schein der Taschenlampe liegen sie vor mir oder besser: da arbeiten sie vor mir. Unter der obersten Schicht aus trockenem Laub wimmelt es. Asseln, über den gesamten Komposthaufen verstreut. Winzige, durchscheinende Wesen. Ein ganzes Volk auf zwei Quadratmetern, geschäftig und scheinbar erstmal unbeeindruckt von meinem Licht.

Ich stehe da, um kurz vor elf, mit Taschenlampe und staune.

Während ich geschlafen habe — an allen Abenden vorher, an denen ich nicht zufällig hier stand — war das hier los. Jede Nacht. Diese unscheinbare Schicht aus alten Blättern ist eine Metropole. Sie hat Nachtschicht, und sie hat einen ziemlich vollen Schichtplan. Mir war immer bewusst, dass ein Komposthaufen ein Kosmos ist, aber dass die Bewohner so aktiv sind, dass man sie hören und sehen kann, das war mir neu.


Heute Morgen dann der Gegenbesuch. Ich bringe den Hühnern ein paar Maulbeeren vorbei, die letzten aus dem Vorrat. Für uns sind sie zu alt, aber Hühner sind da großzügig. Und ich gehe bewusst zum Kompost. Schaue hin.

Stille.

Nichts. Kein Knistern, kein Rascheln. Die Laubschicht liegt da wie immer. Unbewegt. Unscheinbar. Als wäre nie etwas gewesen.

Die kleinen Wesenheiten sind verschwunden. Nicht weg, nur unsichtbar. Sie haben sich zurückgezogen, als das Tageslicht kam und überlassen die Bühne den Amseln und den Meisen und uns Menschen, die wir glauben, wir wüssten, was in unserem Garten so los ist.


Was mich daran berührt: Es braucht manchmal nur einen Zufall. Einen Abend, an dem man eine Minute später rausgeht als sonst. Einen Moment, in dem man stehen bleibt, statt weiterzugehen. Und plötzlich öffnet sich eine Tür zu etwas, das immer schon da war.

Der Kompost schläft nie. Wir schlafen. Und das ist auch in Ordnung, das ist der Rhythmus. Aber ab und zu lohnt es sich, mal in seine Schicht reinzuschauen.

Heute Abend vielleicht. Taschenlampe nicht vergessen.

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